Asanas, Atem & Achtsamkeit
Asanas, Atem & Achtsamkeit

YOGA-ABC

 

A wie Anfangen

 

„Atha yoganusasanam“ – „Jetzt beginnt Yoga“. So lautet der erste Vers der etwa zweitausend Jahre alten Yogasutren des Patanjali, der noch immer maßgeblichen Yogaschrift, in der es mehr noch als um die körperliche Praxis um den Geist geht, mit dem man Yoga übt bzw. den man durch Yoga verändern kann – um unsere Art zu fühlen und zu denken, zu urteilen und zu entscheiden.

Und es stimmt: Um etwas zu tun oder zu betreiben, muss man sich erst einmal entschließen anzufangen. Jetzt beginnt Yoga. Heute wollen viele, die sich für Yoga interessieren, sofort starten. Flexibilität seitens der Studios und Lehrerinnen und Lehrer ist gefragt. Kaum jemand ist noch bereit, ein Semester zu warten, bis der nächste Kurs beginnt. Und dann möchten die Yoga-Aspiranten am liebsten kommen, wann es ihnen in den Kram passt, und nicht festgelegt sein, jede Woche einen Kurs zu besuchen.

In Indien war das bis vor kurzem noch anders: Da ließen Yoga-Gurus wie T. Krishnamacharya oder B.K.S. Iyengar der Legende nach die Schüler auch gerne einmal warten. Entweder auf der Türschwelle. Oder indem sie ihnen erklärten, sie sollten zu einem bestimmten Zeitpunkt wiederkommen, der schon einmal ein paar Monate in der Zukunft liegen konnte. Auf diese Weise konnten die Lehrer prüfen, ob die Schüler auch wirklich an Yoga interessiert waren. Ob sie bereit waren, sich dem Yoga hinzugeben.

Heute hat sich die Situation verschoben. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, von einem Guru akzeptiert zu werden, sondern in der Vielzahl der Yogastile denjenigen zu finden, der seriös und für einen selbst geeignet ist. Womöglich braucht es dazu noch viel mehr Determination und Geduld.

Unterwegs zu dem richtigen Yogastil oder passenden Lehrer kann es schon einmal passieren, dass man denkt: Vielleicht ist Yoga doch nichts für mich. Und wieder aufhören will, bevor man so richtig angefangen hat.

Yoga ist das Ineinander von Beharrlichkeit (abhyasa) und Loslassen (vairagya), lautet eine wichtige Definition bei Patanjali. Diese beiden Eigenschaften, die man auch mit Determination und Geduld übersetzen könnte, braucht es manchmal schon, um mit Yoga überhaupt anfangen zu können.

 

(Kirstin Breitenfellner)

 

B wie Begeisterung

 

Am Anfang ist Yoga ein Aufbruch, ein Höhenflug. Für viele bietet es genau das, was ihnen gefehlt hat, denn es belebt und beruhigt zugleich. Yoga macht glücklich, aber auf eine nachhaltige Weise. Yoga ist wie Heimkommen zu sich selbst. Man spürt seine Muskeln und dass man lebt. Man spürt den Atem und in sich hinein. Man wird beweglicher, und das geht zumeist ganz rasch. Man ahnt, dass man eigentlich nichts braucht außer sich selbst.

Diese anfängliche Begeisterung nicht zu verlieren, wenn man wieder landet, wenn die Mühen der Ebene kommen, dazu gehört Beharrlichkeit. Denn der Fortschritt stagniert nach einer Zeit, nach ein, vielleicht zwei Jahren. Dann wird man zurückgeworfen auf sich selbst. Dorthin, von wo man fort wollte. Das Üben wird zur Mühe. Für manchen schon früher, denn der innere Schweinehund ist bequem. Wozu sich abmühen, raunt er. Er rührt sich nur von der Stelle, wenn er weiß, dass es dafür eine Belohnung gibt. Und das scheint plötzlich nicht mehr sicher. Der Fortschritt wird unsichtbar oder scheint nicht mehr greifbar.

Und da braucht es sie wieder, die anfängliche Begeisterung. Oder zumindest die Erinnerung daran. Denn Yoga ist eine Disziplin. Wenn die erste, überschießende Begeisterung nachlässt und der Schweinehund langsam begreift, dass mit Bequemlichkeit kein Ziel zu erreichen ist, beginnt Yoga. Wenn man sich überwindet zu üben, weil man weiß, dass es hilft. Bis man sich dann eines Tages nicht mehr überwinden muss, Yoga zu üben, sondern etwas in einem danach verlangt, endlich wieder üben zu können, um sie zu spüren, die Begeisterung und damit sich selbst.

Dann beginnt Yoga wirklich. Dann geht die Flamme nicht mehr so schnell wieder aus. Die Schwierigkeit liegt darin, der Glut immer wieder rechtzeitig Nahrung zu geben durch das Üben, den Atem, den Körper, die Muskeln, die Bewegung. Durch die Begeisterung.

 

(Kirstin Breitenfellner)

 

C wie Chimären

 

Yoga boomt, und das aus gutem Grund, denn es bietet gleich zwei Dinge, die im modernen Leben fehlen: körperliche Betätigung und Entspannung. Aber gleichzeitig wachsen die Missverständnisse. Yoga ist mühelos, man wird schlank und schön und altert nicht. Das haben die Frauenzeitschriften so lange geschrieben, bis irgendwann alle geglaubt haben. Auch die Männer, die vermehrt der Meinung sind, dass Yoga etwas für Frauen sei, obwohl es jahrtausendelang von Männern für Männer entwickelt wurde.

Chimären sind Hirngespinste, Trugbilder, denen man vergeblich hinterherjagt. Im Yoga werden sie derzeit genährt durch die überall aufgehängten Spiegel. Aber Yoga ist nicht dazu da, um schön und schlank zu werden, sondern den Körper durchlässig zu machen und für die Meditation vorzubereiten. Yoga ist nicht dazu da, sein Ego zu streicheln mittels Spiegelbildern in engen Suits und mit viel sichtbarer Haut, sondern das Ego zu überwinden – denn sein Ziel ist die Meditation und damit Freiheit.

Yoga ist kein Wettbewerb, nicht einmal gegen sich selbst. Wer beim Üben in den Spiegel blickt, wird an seinem Bild hängen bleiben. Wer ständig links und rechts schaut, um sich mit anderen zu vergleichen, bringt sich um seine Früchte: innere Ruhe und Konzentration. Wer Yoga ausschließlich aus Eitelkeit und Hedonismus betreibt, kann genauso gut ins Fitnessstudio gehen. Wer glaubt, dass Yoga dazu da ist, um Fett zu verbrennen, sollte wissen, dass man – etwa wenn man zu wenig Gewicht und damit Erdung hat –, durch kluges Yogaüben auch zunehmen kann. Wer beim Yoga andauernd Wasser trinkt, lenkt sich ab und nebenbei auch noch das Verdauungssystem. Er unterbricht die Konzentration aus der Idee heraus, dass gerade etwas fehlt.

Yoga bedeutet die Kultivierung der Fähigkeit bei sich zu bleiben, zumindest eine Übungseinheit lang. Yoga ist nicht mühelos, sondern eine Disziplin. Aber es hellt nachgewiesenermaßen die Stimmung auf.* Allerdings nur, wenn  man es übt, ohne Chimären nachzujagen.

 

*Nachzulesen bei: William Board: The Science of Yoga: Was es verspricht und was es kann (Herder, 2013)

 

(Kirstin Breitenfellner)

 

D wie Demut

 

„Wie lange dauert es, bis man Yoga kann?“, fragen Schüler manchmal. „Ewig!“, könnte man antworten. Im Yoga kann man nicht gewinnen wie im Marathon. Es gibt ein Ziel, aber keine Sieger. Yoga kann man nicht beherrschen, Yoga übt man. Wer Yoga übt, hat keine Garantien, und der Gewinn lässt sich nicht in Zahlen und Medaillen messen.

Oft hat man das Gefühl, Fortschritte zu machen, aber nicht immer. Und man kann nicht jeden Fortschritt mit dem Willen erzwingen. Schon gar nicht die Dehnung der Muskeln, von der viele glauben, dass sie das Zentrum des Yoga darstellt. Wer zu sehr an sich zieht und zerrt, wird immer steifer oder verletzt sich. Loslassen hilft da viel mehr. Aber etwas nicht zu tun ist oft viel schwerer als etwas zu tun.

Yoga zu üben bedeutet Demut gegenüber dem, was da ist. Dem Körper, der nicht perfekt ist. Seinen Verletzungen, die einen beim Üben einschränken. Seinen Rückschlägen. Und natürlich dem Prozess des Alterns, den Yoga bremsen, aber nicht aufhalten kann.

Demut bedeutet Ergebenheit und setzt eine Einsicht in Notwendigkeiten und ein Hinnehmen von Gegebenheiten voraus, definiert das Wörterbuch. Wer Yoga übt, wird dadurch nicht zu etwas Besonderem, sondern stellt sich der Realität. Dadurch wird das Ego abgewetzt.

Demut ist verwandt mit Hingabe. Beide haben in einer Ego-Kultur wenig „Sexappeal“, trotzdem können sie in der richtigen Dosis Erleichterung schaffen. Denn immer alles im Griff haben zu wollen macht auf Dauer müde und depressiv. Mit Yogaüben lernt man sich und seinen Körper besser kennen, aber man bekommt sein Leben nicht unter Kontrolle.

Die Hingabe an den Guru ist in der indischen Kultur ebenso kompromisslos wie im Westen die Bereitschaft, Lehrende zu kritisieren und von ihrem „Sockel“ zu holen. Hingabe oder Demut kann auch die Fähigkeit bedeuten, von einem Lehrer oder einer Lehrerin zu lernen. Und anzuerkennen, dass jemand etwas zu vermitteln hat.

Yoga üben bedeutet zu tun, was notwendig ist, ohne zu viel zu wollen, ohne gleich ein Urteil zu fällen, ohne an den Erfolg zu denken. So kommt man oft überraschend schnell weiter.

 

(Kirstin Breitenfellner)

 

E wie Entspannung

 

Yoga entspannt. Das hat sich herumgesprochen. Aber nicht alle wissen, dass sich diese Wirkung am Anfang durchaus erst nach dem Üben einstellen kann. Wenn man merkt, dass der Körper gleichzeitig animiert und gelöst ist. Wenn man merkt, dass man während des Übens keine Zeit hatte, an etwas anderes zu denken. Man geht beschwingt nach Hause, fühlt sich wie durchgepustet, das Gehirn ist frei und bereit für Neues.

Entspannung entsteht durch die Dehnung der Muskeln. Dabei hilft es, in Gedanken mit der Ausatmung dort hinzugehen, wo die meiste Spannung oder der größte Widerstand zu spüren ist. Ausatmen bedeutet loszulassen. Im Yoga übt man zuerst, die Ausatmung zu verlängern und damit zu verlangsamen, später auch die Einatmung und die Atempausen. Einatmen, Ausatmen. Einatmen, Ausatmen. Loslassen. Warten. So kommt man allmählich runter.

Loslassen kann man aber auch im Geist. Zum Beispiel seine Lieblingsgedanken, die sich ungefragt von selbst einstellen und einen gefangen halten. Die einen daran hindern, sich auf das zu konzentrieren, worum es gerade geht: den Körper, den Atem. „Ich bin so steif!“ „Warum kommen die anderen tiefer runter als ich?“ „Ich kann nichts!“ Oder auch: „Yoga ist leicht!“ „Ich bin so gut!“

Für diese Lieblingsgedanken gibt es in der Yogaphilosophie sogar einen eigenen Begriff: Sie heißen Samskaras und bezeichnen tief verwurzelte Gedankenströme, die unser Denken strukturieren und unser Verhalten programmieren und uns unfrei machen. Samskaras sind wie kleine Filme, die sich wiederholt abspielen, ob sie nun passen oder nicht. Sie trüben die Wahrnehmung und hindern uns daran, adäquat auf Situationen zu reagieren.

Entspannen bedeutet innezuhalten, um wahrzunehmen, wie man tickt – und aus diesem Kreislauf, diesem Hamsterrad nach und nach auszusteigen. Wenn man diese Entspannung auf einer ganzheitlichen, also körperlichen und geistigen Ebene kultiviert, kann Yogaüben zur Meditation werden.

 

(Kirstin Breitenfellner)